Und jährlich grüßt die Würstchenbude?
Erschienen in SPUNK #61
Innerlich tauchen Gewerkschaften und insbesondere Menschen, die sich in einer Gewerkschaft engagieren, nur als verzerrtes Bild auf: Als dickbäuchiger Gewerkschaftsfunktionär, der bei Bier und Bratwurst mit DGB-Mütze und sonnenverbranntem Nacken am 1. Mai durch die Gegend stapft.
Dass dieses Bild Gewerkschafter_innen und Gewerkschaften als Organisationen nicht gerecht wird, sollte eigentlich kein Geheimnis sein. Aber wer sind denn in Deutschland überhaupt „die“ Gewerkschaften? In Deutschland gibt es den DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund), dem z.B. ver.di angehört, den dbb Beamtenbund und Tarifunion, der einen Schwerpunkt im öffentlichen Sektor hat. Außerdem existiert auch ein „christlicher“ Gewerkschaftsbund, der genauso wie die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Beschäftigter (AUB) nachweisbar im Sinne der Arbeitgeber_innen agiert und deshalb als „gelbe Gewerkschaft“ gilt.
Darüber hinaus gibt es noch die FAU (Freie ArbeiterInnen Union), die dezidiert antikapitalistisch ist, eine herrschaftsfreie Gesellschaft anstrebt und zur Zeit in Berlin darum kämpfen muss, sich noch „Gewerkschaft“ nennen zu dürfen. Die Betreiber_innen des halb-kommunalen Kinos „Babylon“ waren die intensive Kampagne der Belegschaft, die zu großen Teilen bei der FAU organisiert ist, Leid und reichten vor Gericht eine einstweilige Verfügung dagegen ein, dass sich die Organisation als Gewerkschaft bezeichnet.
Auch Vertreter_innen von anerkannten Gewerkschaften haben es nicht leicht. Gerade im Dienstleistungssektor ist der Kampf um gewerkschaftliche Organisierung schwierig auszufechten. Hier besteht das massive Problem, dass zahlreiche Beschäftigte überhaupt nicht in einer Gewerkschaft organisiert sind. Und wenn es zu einem Arbeitskonflikt kommt, ist ein Teil der Streikenden z.T. auch relativ schnell ersetzbar. Deshalb sind die Beschäftigten in diesem Bereich auch auf der Suche nach neuen Formen des Arbeitskampfes. So entschied das Bundesarbeitsgericht im September 2009, dass vorübergehende und nicht „unverhältnismäßige“ Blockaden in einem Geschäft zulässig sind. Der Einzelhandel zeigt also exemplarisch: Gewerkschafter_innen sind vielmals auf Solidarität von außen und auf politischen Druck angewiesen – wie es funktionieren kann, hat die GRÜNE JUGEND Berlin gezeigt, als sie sich mit dem Streik der Reinigungskräfte aktiv solidarisierte.
Doch nicht immer spielen Gewerkschaften eine sonderlich positive Rolle. So gehört z.B. die IG BCE in der Lausitz zu den rabiatesten Befürworter_innen des Braunkohletagebaus. Die IG Metall und ver.di taten sich in den letzten Jahren immer mal wieder durch Kampagnen gegen blutsaugende Mücken im Dress der US-amerikanischen Flagge oder „Heuschrecken“ hervor, die durch ihre Simplifizierung viel zur Verstärkung dumpfer Klischees, aber wenig zum Verständnis von Kapitalismus als solchem beitragen. Nötig auch die Kritik an so manchem Funktionär im Betriebsapparat, der so sehr die Interessen der Arbeitgeber_innen internalisiert hat, dass er kaum noch wirksam Interessen vertritt, im nationalistischen Gestus vom „Standort Deutschland“ schwadroniert und Internationalismus und Solidarität als gewerkschaftliche Werte so hinten runter fallen lässt.
Sind Gewerkschaften, insbesondere der DGB, trotzdem noch notwendig? Ja, denn sie sind wichtige Partnerinnen für die alltägliche politische Auseinandersetzung. Tatsächlich müssen sich die Gewerkschaften aber auch öffnen: Selbstständige und prekär Beschäftigte finden z.Z. noch wenig Raum im gewerkschaftlichen Profil. Umso wichtiger also, auch diese Positionen in die Gewerkschaften zu tragen und einen langsamen Wandel innerhalb des Apparates herbeizuführen. Denn Gewerkschaften sind kein Modell von gestern. Doch dafür müssen sie in ihren Strukturen flexibler werden, nicht nur im Wort, sondern auch in ihrer Tat internationaler und eben auch kämpferischer werden.
Gewerkschaften sind notwendiger denn je. Wir brauchen aber keine totalitär aufgestellte Monopol-Gewerkschaften, die oft auch noch korrupierbar sind und Funktionäsinteressen vertreten. Wir brauchen unabhängige und demokratische Gewerkschaften, die die wirklichen Interessen ihrer Arbeitnehmer vertreten.
Aber noch eins: Woher nimmt der Autor die These, dass die Christlichen Gewerkschaften von Arbeitgebern unterstützt werden? Diesen Nachweis wird er nicht machen können !!!!!!
Ich habe nicht geschrieben, dass die AUB und der CGB von Arbeitgeber_innen unterstützt wurden, sondern nur dass sie sich als “gelbe Gewerkschaften” noch mehr anbiedern, als es einzelne Funktionäre des DGB tun. Bestes Beispiel mag dafür der ehemalige AUB-Chef Schelsky sein, der von Siemens Honorare für den Aufbau einer genehmen Gewerkschaft bekam (1).
Jetzt zu den “christlichen” Gewerkschaften: Hier hat sich z.B. die Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personal-Service-Agenturen hervorgetan, die in Betrieben Löhne für Leiharbeit von 4,81€ (!) abgeschlossen hat. Die Mitglieder dieser “Gewerkschaft” wurden teilweise von den Arbeitgeber_innen angeworben. (2a, 2b) Die Tariffähigkeit nicht nur der CGZP, die sich interessanterweise auf Papieren von Arbeitergeber_innen stützt, um ihre (wahrscheinlich) nicht vorhandene Tariffähigkeit zu verteidigen (3, “Nicht tariffähig”), wurde auch bei anderen C-Gewerkschaften schon mal in Zweifel gezogen.
Aus meiner Sicht brauchen wir eine kämpferische und internationalistische Gewerkschaft(en), die in der Tat ihre Mitglieder mehr beteiligen. Doch Vereine wie AUB oder CGB sind da mitnichten eine Alternative.
(1) http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/aub-chef-ich-war-als-lobbyist-fuer-siemens-taetig-589996.html?nv=cb
(2a) http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=2769040/vs2ba/index.html
(2b) http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/lohndruecker-im-namen-gottes/
(3) https://publik.verdi.de/2009/ausgabe_12/gesellschaft/politik/seite-11/pagepdf