Eigene Wege gehen – Der Kampf gegen den Kolonialismus in Algerien
Erschienen in SPUNK #62
Algerien, seit 1830 unter französischer Herrschaft, wurde erst 132 Jahre später und nach acht Jahren Kampf, einer Million toter Algerier_innen und zahlreichen Folteropfern unabhängig. Das französische Algerien, wie es in der Sprache der französischen Kolonialmacht hieß, war eine „Siedlungskolonie“. Juristisch wurde es deshalb Teil des französischen Staatsgebietes.
Die Keimzelle der algerischen Nationalbewegung lag im Umfeld der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), welche in den 1920er Jahren die antikolonialistische Union intercolonial gründete. 1926 bildete sich ein algerischer Arm, die ENA heraus, der u.a. die Unabhängigkeit von Algerien propagierte. Nach Ende des 2. Weltkrieges verschärfte sich dieses Bestreben. Verschiedene Demonstrationen und Aufstände fanden statt, die meist brutal niedergeschlagen wurden oder militärische Racheakte der Kolonialverwaltung nach sich zogen. Die algerische Unabhängigkeitsbewegung spaltete sich bald aufgrund von Strategiefragen. Als ein Spaltprodukt entstand die FLN, die ein bewaffnetes Vorgehen im Unabhängigkeitskrieg propagierte.
Die Ideologie der Gruppe, die bald eine Herrschaftshoheit über den antikolonialen Kampf gewann, war der „revolutionäre Populismus“, der das gesamte (muslimische) algerische Volk als revolutionäres Subjekt wahrnahm. Der Reform-Islam stellte für die FLN ein wesentliches Fundament des Nationalbewusstseins dar, während die „Sozialismus“-Interpretation der Gruppe hingegen wenig mit Marxismus zutun hatte: Als Bourgeoisie galten vor allem pro-französische Eliten, die französische Kolonialmacht als der einzige Ausbeuter.
Nach dem Unabhängigkeitskrieg wurde die FLN Einheits- und Staatspartei und formte eine Entwicklungsdiktatur, die sich um eine eigenständige Industrialisierung bemühte. Die verschiedenen konkurrieren Gruppen, wie die Kommunistische Partei, wurden aufgelöst. Bürokrat_innen und Militärs dominierten den Staat. Es bestanden ökonomische Kontakte zur Sowjetunion, was aber die Führung nicht davon abhielt, wie bisher islamische Elemente in die Politik zu integrieren. Nach der Unabhängigkeit wurde die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen forciert. Mit dem Niedergang des Realsozialismus, der Öl-Krise und anhaltender Korruption entstanden soziale und ökonomische Krisen, die 1989 eine Demokratisierung erzwangen.
Infolgedessen wurden 1992 Wahlen durchgeführt, welche die islamistische FIS gewann. Daraufhin putschte die Armeeführung. Es entfesselte sich ein sieben Jahre langer Bürgerkrieg, der 100.000 Tote forderte. Der Islam(ismus), der die Anknüpfung an die (angeblich) angestammte islamische Kultur und Religion predigte, wies im Krieg mit dem Staat ein erhebliches Mobilisierungspotential auf – die konkrete Erfahrung unter der Herrschaft der FIS führte aber dazu, dass sich nicht ein unwesentlicher Teil der Bevölkerung von ihr löste.
1999 wurde Abdelaziz Bouteflika Präsident, der seitdem Algerien autoritär regiert, auch wenn es ein Parlament, in dem die FLN immer noch eine wichtige Rolle spielt, und verhältnismäßig freie Wahlen gibt. Trotzdem gilt nach wie vor der 1992 ausgerufene Ausnahmezustand. Algerien ging seitdem den Weg in die WTO und unterzeichnete auch ein Assoziierungsabkommen mit der EU. Für die ehemaligen französischen Kolonien in Westafrika hat sich dieser Weg als Sackgasse erwiesen. Der französische Staat zog sich hier nach der Unabhängigkeit offiziell zurück, dominierte aber ökonomisch weiterhin und installierte politisch ergebende Eliten.
Der eigene Weg Algeriens steht also fast fünfzig Jahre nach dem Kolonialismus und zwölf Jahre nach Ende des Bürgerkrieges am Anfang: Die erste Phase der Dekolonialisierung war die Befreiung vom Kolonialstaat, in der zweiten Phase stellt sich aber die Frage nach dem Wie der Ausgestaltung der Gesellschaft – dafür braucht es demokratische Strukturen. Europäische Regierungen, die Algerien im Kontext eigener strategischer Konzepte betrachten, werden diesen Prozess eher aufhalten als beschleunigen.
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