Selbstautomation

Verschlugene Wege

Veröffentlicht in Unkraut von selbstautomation am Juni 1, 2009

Erstveröffentlichung, evt. erschienen Unkraut 01/09

90 Jahre Bauhaus-Architektur haben Spuren hinterlassen. Die Ideen sind heute noch relevant – Eine Exkursion.

In der Siedlung „Am Horn“ in Weimar befinden sich Bauhaus-Häuser – keine Originalbauten der 20er Jahre, sondern vielmehr Neubauten zur EXPO 2000. Die Häuser sind groß, geometrisch klar und funktionalistisch. Große Fenster prägen die Bauten. 90 Jahre nach der Gründung der Schule – und knapp 85 Jahre nach der Vertreibung der Kunstschule aus Weimar, wird sich die Kleinstadt diesem Erbe bewusster. Mit der Idee des sozialen Wohnungsbaus, dessen Lösung Gropius mit seinem Architekturstil befördern wollte, haben die Häuser in Weimar freilich nichts mehr zu tun.

Gropius’ erster Versuch die Wohnungsnot der Weimarer Republik zu besiegen, befindet sich in Dessau-Törten. Insgesamt wurden hier 314 Reihenhäuser mit einer Grundfläche zwischen 57 – 75 Quadratmetern gebaut. Mit der Hilfe von Wänden aus Schlackenbetonhohlkörpern und Stahlbetonträgern entstand die gesamte Siedlung innerhalb von 2 Jahren. Bau- und Planungsmängel hatten dann zum Ergebnis, dass die Bewohner_innen Veränderungen an ihren Häusern vornahmen. Aus diesem Grund sind auch heute nur wenige Häuser in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Ein Problem, welches erkannt wurde – seit 1994 versucht eine Kommission die Interessen zwischen Erhalt der Siedlung in ihrer ursprünglichen Form und den nötigen Anpassungen durch die Nutzer_innen.

Spuren des Bauhaus sind aber auch an anderen Orten in Dessau zu finden. In der Nähe des Bauhaus-Schulgebäudes in Dessau befinden sich die sogenannten Meisterhäuser – kleine Einfamilienhäuser für die „Meister“ am Bauhaus (der handwerkliche Begriff des Meisters wurde gewählt, da es die Intention Gropius’ war, das Handwerk mit der Kunst zu verbinden). Den jeweiligen Bedürfnissen von „Meistern“ wie Kandinsky angepasst, gehören die Meisterhäuser zu den bekanntesten Bauhaus-Bauten in Deutschland. Auch gerade wegen einiger interessanter Eigenheiten: So strich Kandinsky sein Esszimmer tiefschwarz, da Schwarz die Verdauung anregen sollte.

1928 gab Walter Gropius sein Amt als Direktor des Bauhaus’ ab – vor allem weil er so glaubte die antisemitischen Angriffe auf das Bauhaus, die sich auch an seiner Person festmachten, abwehren zu können. An seine Stelle trat der Schweizer Hannes Meyer. Er intensivierte die Zusammenarbeit mit der Industrie und gab – basierend auf seiner kommunistischen Gesinnung – die Parole „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ aus. Heute kostet eine Tischlampe im Bauhaus-Stil schon einmal 169€: Aus der Bauhaus-Idee der Massengüterproduktion im Haushaltsbereich sind Luxusgegenstände geworden.

Seine Spuren hat Hannes Meyer auch in der Nähe von Bernau hinterlassen. Hier baute er im Auftrag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes die „Bundesschule“. Ursprünglich plante der ADGB zwei Schulungszentren für seine Mitglieder. Eines im Ruhrgebiet und eines in der Nähe von Berlin. Nachdem sich herausstellte, dass die Idee unfinanzierbar war, entschied sich die Gewerkschaft für den Standort in Bernau – auch weil der Landkreis mit vielen Vergünstigungen lockte. Der Bau integrierte die Gegebenheiten des Arreals. Die Höhenunterschiede wurden in den Bau integriert, andernfalls hätten enorme Sandmassen bewegt werden müssen. In dem Gebäude befinden sich für die damalige Zeit hochmoderne Schulungsräume. Die Schule wurde 1930 eröffnet.

1930 war auch das Jahr, in dem Hannes Meyer seinen Posten aus politischen Gründen niederlegen musste. Ihm folgte Ludwig Mies van der Rohe. Seine Amtszeit währte ebenfalls kurz. 1932 wurde die Schule auf Betreiben der Nationalsozialist_innen geschlossen, die im Dessauer Stadtrat bereits eine Mehrheit hielten. Danach versuchte van der Rohe noch 1933 eine private Kunstschule in Berlin aufzubauen. Doch im Mai 1933 verfügten auch die Nazis auch hier die Schließung.

Nach 1933 verstreuten sich die Spuren der deutschen Moderne in der Welt. Architekten wie Gropius und van der Rohe emigrierten in die USA und wurden dort gefragte Architekten. Hannes Meyer hingegen ging 1931 nach Moskau, fiel dort in Ungnade, versuchte in Spanien Fuß zu fassen und lehrte von 1939 – 1954 in Mexiko – danach emigrierte er zurück in die Schweiz. Ein Teil der Schüler_innen wanderte hingegen in das britische Mandatsgebiet Palästina und erbaute in Tel-Aviv mehr als 4000 Bauten, die sich in der sogenannten „Weißen Stadt“ konzentrieren. Seit 2003 gehören diese Bauten zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Im geteilten Deutschland war die Beziehung zum Bauhaus ambivalent. So befindet sich das Ideal des „sozialistischen Bauens“ nicht in Hellersdorf sondern vielmehr in den verschnörkelten Bauten an der Karl-Marx Allee (damals Stalinallee). Trotzdem übernimmt die DDR-Führung mit dem Wohnungsbauprogramm beginnend in den 70er Jahren den funktionalistischen Anspruch des Bauhaus und baut vor allem billig. Ideen – wie die Nutzgärten in Dessau-Törten mussten sich hier dem Funktionalismus und der der Reißbrett-Planung unterordnen. Ganze Stadtteile wurden im Zuge dieses Programmes geschaffen: eine exponentes Beispiel ist Halle-Neustadt. Hier wurden Blöcke für 100.000 Menschen gebaut.

In der BRD wurden die Bauhaus-Ideen zu Beginn der 50er Jahren wichtig – das Hansaviertel in Berlin, unter anderem geschaffen von Walter Gropius, bleibt ein gutes Stück Moderne in der Hauptstadt. Die Westberliner Stadtregierung führte einen Wettbewerb zum Neuaufbau des zerstörten alten Hansaviertels durch. 1952 wurden dazu 53 Architekt_innen eingeladen – das Viertel sollte mit westlich-modernistischer Architektur einen Kontrapunkt zur neugeschaffenden Stalinallee setzen. In die Planung des Stadtteils wurden auch Gartenarchitekten miteinbezogen. Das Ziel war einen „durchgrünten“ Stadtteil zu schaffen. Das Viertel ist eine Mischung aus ein- und zweigeschossigen Einfamilienhäusern, Gebäude mit vier bis zehn Geschossen und sechs 16 bis 17-stöckige Hochhäuser.

Auf die Spuren der Monderne kann sich also jede_r selbst begeben – und sich seine eigene Meinung bilden. Die Fragen nach billigen Wohnraum bleibt heute immer noch aktuell – die Stadtplanung von heute muss sich allerdings auch ökologischen Fragestellungen stärker öffnen.

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